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News aus Hamburg
TIROLER MAHLZEIT!

Der Charme des Essentiellen

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Endlich ein Restaurant, in dem die Zeit stillzustehen scheint. In dem Nahrung die Seele füttert und nicht nur den Bauch. Das Marend tischt mit viel Muße österreichische Spezialitäten auf.

Ich sitze auf einer grob wirkenden aber bequemen Fichtenbank und schaue aus dem großen Fenster hinaus auf die belebte Feldstraße, die mir wie ein viel zu quirliges Aquarium vorkommt. Im Marend umweben mich chillige Singer-/ Songwriter-Klänge und leichter Elektro-Pop, als in den Händen von Geschäftsführerin Lisa Dialer ein zünftiges Frühstücksbrett mit einer deftigen Stulle samt Salat zu mir heranschwebt.

Saftiger Tiroler Schinken mit Frischkäse zwischen fingerdicken Graubrot-Scheiben. Dazu ein Ruccola-Salat mit einer Sauce aus Honig und Senf und angebratenen gemischten Kernen – ein Aroma, das im Mund regelrecht aufblüht. Für einen trivialen Burger „für zwischendurch“ bin ich künftig endgültig verdorben.

„Marend“ steht übrigens auf Tirolerisch für Brotzeit – hier hat die „Stulle“ echte Klasse! Ihre verschiedenen Brote im Besonderen und das Marend im Allgemeinen sind der Lebenstraum der 38jährigen Tirolerin Lisa, die Ende April schräg gegenüber der U-Bahn Feldstraße ihr Tiroler Restaurant eröffnet hat. Vorher war sie sieben Jahre Chefin des Cafés an den Wohngeschwistern und hat sich dort an die kulinarische Tradition ihrer Heimat herangetastet.

Das Marend sei ganz und gar sie selbst, sagt sie voller Stolz. Angefangen vom Bergpanorama, das sie zart mit Kohle an die weißen Wände gehaucht hat, weiter über die selbstgeschreinerten Fichtenbänke mit selbstgenähten Auflagen aus Filz, bis hin zum Essen, das sie selbst zaubert. Sogar die Knödel sind von Hand gerollt.

Die Zutaten kommen direkt aus Tirol. Neben Rindsgulasch und Schinken setzt Lisa ihren Schwerpunkt interessanterweise auf vegetarische Menüs. Ihr Weniger-ist-mehr-Konzept überzeugt auch hier. Mein „Rote-Beete-Knödel“ entfaltet seinen vollen Geschmack durch bedächtiges Kauen. Im Marend hat das Essen noch eine essentielle Bedeutung, ich komme zur Ruhe, weil mich der Geschmack ohnehin ganz gefangen nimmt.

Essen darf hier ein wichtiger Bestandteil der Lebensart sein und nicht nur einer des Überlebens. Wo Genuss sonst immer irgendwie „to go“ sein muss, soll der Gast im Marend mal wieder runterkommen. In dem tiefen Fenster hat Lisa Dialer sogar Tische eingerichtet, an denen ich nur im Schneidersitz sitzen könnte – mit dem hoch gezogen Boden musste ein Podest im Fenster kaschiert werden.

„Kommt gut an“, sagt sie. Doppelt klasse, dass ich diese kulinarische Auszeit auch mit der U-Bahn erreichen kann. Das Marend tut Hamburg gut, hier schmeckt’s nach dem einfachen Leben, nach dem einfachen Glück. St. Pauli zeigt eine neue Geschmacksfarbe, die der Multi-Kulti-Meile absolut steht. Schade nur, dass sonntags geschlossen ist – gerade an dem Tag, an dem Zeit für Muße wäre.
 

Marend Feldstr. 29 (St. Pauli),  W: marend.net. Ö: Mo–Sa 11-22 h, W: marend.net

Von Karsten-D Hinzmann

Foto: Hinzmann

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