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News aus Hamburg
STERNSTUNDE DER KLEINEN LÄDEN

Shoppen gegen Amazon & Co.

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Wenn der Paketbote zweimal klingelt, wissen wir: Da kommt die nächste ONLINE-BESTELLUNG! Schnell das schlechte Gewissen weggeschoben, Paket aufgerissen. Freude. Online-Shopping ist doch viel schöner als der lästige Weg in die Stadt! ODER? Wir zeigen, was die KLEINEN LÄDEN in Hamburg können und warum wir wieder häufiger dort vorbeischauen sollten.

Ich klicke mich durchs Internet, schau bei Facebook rein. Werbung. Oh, interessant! Draufgeklickt, für gut befunden, ab in den virtuellen Einkaufswagen. Online-Shopping ist bequem und wir bekommen alles, was wir brauchen. Online-Gigant Amazon macht es vor: Auf der Plattform gibt es alles zu kaufen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Angeboten von kleineren Händlern oder durch Amazon selbst.

Doch während ich gemütlich von zu Hause aus shoppe, sammelt das Portal meine Daten, selbst wenn meine Bestellung über einen kleineren Händler auf der Plattform läuft. Und der darf trotzdem hohe Gebühren an das Unternehmen abtreten, ist aber im großen Online-Shoppinguniversum als eigenständiger Händler kaum sichtbar.

Kein Wunder, dass viele kleine Läden und Händler aufgeben: Die Konkurrenz über das Internet ist einfach zu groß. Selbst in In-Vierteln wie Eimsbüttel, Schanze oder Ottensen machen deshalb regelmäßig Shops zu. Geschäfte wie die Druckwerkstatt Ottensen, All my friends oder Frau Hansen, die sich länger halten können, sind gefühlt eine Seltenheit geworden. 

GEZIELTE SHOPPINGTOUR STATT PAKETÄRGER
Und dann das: Kaum habe ich bestellt – noch ganz entspannt – geht der Ärger los. Denn natürlich bin ich meist nicht zu Hause, wenn der Paketbote zweimal oder auch fünfmal klingelt. Gelber Zettel an der Tür? Oft bekomme ich auch den erst zwei Tage später per Post zugestellt. Ich gehe auf die Suche nach meinem Paket, das beim Nachbarn oder mit viel Pech in der Postfiliale am Kaltenkircher Platz gelandet ist. Und dort heißt es Schlangestehen!

Doch ein Gutes hat der Paketärger: Er hat die Hamburgerin Katharina Walter zu einer Gründungsidee inspiriert. „Ich wohne auf St. Pauli und habe mich immer gewundert, dass dort so viele Pakete geliefert werden. Schließlich gibt es gerade hier und in der sehr nahen Schanze so viele tolle Geschäfte.“ 

So konzipierten sie und Florian Schneider 2015 ihre Plattform Findeling, auf der (fast) alle kleinen Läden Hamburgs gebündelt zu finden sind. „Meistens informiert man sich ja erst online über das, was man haben möchte. Da gehen kleine Läden einzeln natürlich etwas unter.“

Dieses Problem löst findeling: Einfach Produkte wie Bilderrahmen ins Suchfeld eintragen und ihr bekommt auf einer Karte alle Läden, die Rahmen im Sortiment haben, ausgespuckt. Dann könnt ihr direkt dort oder in den Online-Shops der kleinen Anbieter einkaufen, wodurch ein Gegenpol zu Amazon entstehen soll. Gleichzeitig sorgt die Online-Karte dafür, dass ihr wisst, welches Geschäft gerade in der Nähe ist – um vielleicht auch mal wieder persönlich vorbeizuschauen. 

SHOP LOCAL DAY
Das ist auch die Intention vieler Ladeninhaber, wie Katharina Roedelius, Gründerin des Interieurshops lokaldesign. In der Schanze lässt sie sich für ihre Kunden in dieser Hinsicht einiges einfallen: Vor Ort dampft stets frischer Tee auf einer kleinen Herdplatte und neben dem Verkauf lokal produzierter Designerware veranstaltet sie Lesungen und andere Events.

Daraus entstand beim Stammtisch einiger kleiner Ladenbesitzer und den findeling-Leuten inklusive der beiden Katharinas auch die „Nacht der kleinen Läden“, die 2018 zum „Shop Local Day“ umfunktioniert wird. Halbjährlich, an einem Samstag im Mai und kurz vor Weihnachten, haben dann die kleinen Läden zu geführten Touren und Events zwischen 11 und 21 Uhr geöffnet. Da wird Offline-Shopping zum Erlebnis! 

LOKALE BUCHLIEFERUNG ÜBER NACHT
Auch die Buchhandelsbranche wehrt sich schon seit einigen Jahren mit vielen Ideen gegen den Ausverkauf im Internet. Frederik und Gerrit Braun, Gründer des Miniaturwunderlandes, ließen beispielweise die erste und komplett signierte Auflage ihrer Biografie nur über Buchläden vor Ort verkaufen. Und auch viele Onlineshops der kleinen Einzelhändler selbst sind mittlerweile so gut, dass Amazon nicht mithalten kann.

Ein gutes Beispiel ist der Onlineshop der Buchhandlung stories!. Hier sieht man online sofort, ob ein gewünschtes Buch im Laden vorrätig ist oder kann es sich über Nacht (!) in den Laden in Hoheluft liefern lassen. Ganz entspannt, ohne Portokosten – und in diesem Fall tatsächlich auch schneller als über den Online-Giganten. Inhaberin Annerose Beurich präsentiert online außerdem stetig neue Lesetipps und setzt vor Ort ebenfalls auf eine entspannte Atmosphäre, persönliche Beratung und die für Lesefans so wichtige Kaffeebar. Das funktioniert seit 2008 so gut, dass sie 2011 eine zweite Filiale im Hanseviertel eröffnen konnte.

Katharina Walter von Findeling bringt den Vorteil der individuellen Konzepte noch einmal final auf den Punkt: „Nicht nur im Sinne von Co2 und Vermeidung von Verpackungsmüll sollten wir wieder mehr rausgehen: Kleine Läden sind einfach wichtig für unser Stadtbild. Denn was wäre Ottensen oder die Schanze ohne individuelle Geschäfte?“ 

HIER findest Du unser Interview mit Katharina Roedelius, Gründerin des Interieurshops lokaldesign. 

Text: Svenja Hirsch 

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