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SMART MOBILITY

Fairverkehr– Hamburgs neue Ära der Mobilität?

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Fahrradstadt-Pläne, Öffi-Ausbau, E-Scooter und autofreies Ottensen: So engagieren sich junge Hamburger für fahrradfreundlichen Verkehr und innovative Mobilitätskonzepte.

Schon lange ist das Auto nicht mehr das Verkehrsmittel Nummer Eins. Vor allem bei uns jungen Großstädtern steht das „erste eigene Auto“ irgendwo im Mittelfeld der Wunschliste und ist ein echtes Luxusgut – hohen Mieten und Lebenskosten sei Dank. Ehrlicherweise geben wir unsere Kohle auch lieber für Reisen, Auslandssemester oder Food-Dates mit unseren Freunden aus. Und um in Hamburg gut von A nach B zu kommen, schwingen wir uns lieber aufs Rad oder steigen in die nächste U-Bahn. Aber auch ein bewussteres Umweltdenken und Skandale wie die Dieselaffäre bewegen uns dazu, nachhaltigere Auto-Alternativen zu wählen. Das bestätigt auch die aktuelle Mobilität in Deutschland (MID)-Studie. Der Modal Split gibt die prozentuale Verkehrsmittel-Aufteilung an: In Hamburg beträgt der Anteil des Radverkehrs 15 Prozent, der des ÖPNVs 22 Prozent. Der rotgrüne Senat hat sich zum Ziel gesetzt, Hamburg zur „Fahrradstadt“ zu machen und bis 2030 den Radverkehrsanteil auf 25 Prozent zu steigern. Unter anderem investiert er in den Ausbau der Radverkehrsinfrastruktur durch Velorouten im Hamburger Großraum und schafft mehr Verknüpfungspunkte mit dem öffentlichen Personennahverkehr.

Im aktuellen Fahrradklimatest des ADFC landete Hamburg zwar „nur“ auf dem achten Platz der 14 größten deutschen Städte, rückte aber im Vergleich zu den Erhebungen aus den Vorjahren von den hinteren Plätzen immerhin ins Mittelfeld. Die rund 4.000 Hamburger Teilnehmer bewerteten die Fahrradmitnahme in öffentlichen Verkehrsmitteln, das öffentliche Leihrad-Angebot und die jüngste Fahrradförderung positiv. Jedoch wünschen sie sich vor allem breitere Radwege und mehr Sicherheit. Immer wieder liest man erschreckende Nachrichten wie „LKW überrollt Radfahrer“ oder „Fahrradfahrerin stirbt nach Abbiege-Unfall mit LKW“, die Forderungen für LKW-Abbiegeassistenten nach sich ziehen. Die Stadt reagiert: In einem Pilotprojekt testen derzeit 18 Lastwagen der Hamburger Behörden Abbiegeassistenten, die bei gefährlichen Situationen den Fahrer mit einem akustischen Signal warnen. Langfristig sollen bis Ende nächsten Jahres alle 2.200 städtischen Fahrzeuge mit diesen Geräten ausgerüstet werden.

  • Hamburger wollen sichere Radwege

Dirk Lau vom ADFC Hamburg sieht die Abbiegeassistenten aber nicht als einzige Lösung, um Fahrradunfälle zu vermeiden. Er schlägt eine „Neuaufteilung des Straßenraums“ in der Stadt vor: „Es braucht vor allem eine sichere Infrastruktur, um Menschen vor schweren Unfällen zu schützen“, erklärt er. „Kreuzungen müssen umgebaut und Ampeln so geschaltet werden, dass Radfahrer und Fußgänger sicher die Straße benutzen und überqueren können. Insgesamt braucht es eine drastische Verkehrsberuhigung und eine Reduzierung des innerstädtischen Verkehrs. Wir fordern, dass die Regelgeschwindigkeit innerorts auf Tempo 30 gesenkt wird.“ 

Dirk Lau vom ADFC Hamburg fordert eine Neuafteilung des Straßenraums. 

Ähnlich sieht das Günther Reimers von der Initiative Radentscheid Hamburg. „Wenn ich täglich nach Lurup fahre, erlebe ich vier bis fünf brenzlige Situationen, bei denen ich ausweichen muss. Natürlich begrüßen wir den Versuch, Hamburg zu einer Fahrradstadt zu machen. Doch die Radverkehrspolitik geht in die falsche Richtung und verlegt den Radverkehr auf die Straße.“ Eine Veloroute, die auf einer Straße verläuft, sei alles andere als sicher, gerade für Kinder. Besser wäre es seiner Meinung nach, wenn die Fläche der Straßen für den Ausbau breiter Radwege verwendet werden würden – für das gesamte Hamburger Gebiet wäre das ein großes und langwieriges Unterfangen. Ein Blick zu unseren niederländischen Nachbarn zeigt, dass wir hinterher hängen: Amsterdam hat bereits seit den 1970er Jahren den Ausbau der fahrradgerechten Verkehrsinfrastruktur auf dem Schirm. Um sich für einen sicheren und gleichberechtigten Radverkehr in Hamburg einzusetzen, strebt der Radentscheid Hamburg einen Volksentscheid an. Seit Ende März sammeln Günther und ein Team aus Studenten, Berufstätigen und Rentnern Unterschriften, um diesem Ziel bei der Bundestagswahl 2021 näher zu kommen.

Regelmäßig nehmen die Unterstützer des Radentscheids Hamburg bei der Critical Mass teil, bei der sich Radfahrer scheinbar zufällig und unorganisiert treffen und auf ihre Belange und Rechte gegenüber dem motorisierten Verkehr aufmerksam machen. Unter dem Motto „We’re not blocking traffic, we ARE traffic“ schließen sich jeden Monat mehre Tausend der Rad-Demo an. Für eine nachhaltige und fahrradfreundlichere Mobilität engagiert sich auch der AStA der Uni Hamburg. „Wir finden, dass generell zu viele Fahrzeuge auf den Hamburger Straßen unterwegs sind“, sagt AStA Vorsitzender Karim Kuropka. „Doch Hamburgs Verkehrspolitik wird von Auto- und nicht von Radfahrern geplant. Daher fordern wir, dass Personen, die viel mit dem Rad unterwegs sind, wie Studis oder Azubis, mehr Mitspracherecht haben sollten.“ Auch beim öffentlichen Nahverkehr sieht der AStA Verbesserungsbedarf. „Busse und Bahnen sollten öfters fahren und vor allem das Semesterticket sollte günstiger sein. Wir sitzen mit dem HVV am Tisch, aber wir haben kaum Verhandlungsmacht.“ Versuche, gemeinsam mit dem Bündnis „HVV umsonst“ ihre Forderungen durchzusetzen, blieben bislang erfolglos. Wie es besser und günstiger geht, zeigt zum Beispiel Wien. Die Jahreskarte der Wiener Linien kostet 365 Euro – also pro Tag einen Euro.“

Das AStA-Team der Universität Hamburg um den Vorsitzenden Karim Kuropka (2.v.r.) setzt sich für ein Mitspracherecgt in der Verkehrspolitik in der Stadt ein.

  • Öffis, Stadtrad-Flotte und Sharing-Angebote

Auch wenn es deutlichen Verbesserungsbedarf gibt, ist Hamburg zumindest bei öffentlichen Verkehrsmitteln im Hinblick auf Taktung, Pünktlichkeit und Ausstattung mit WLAN ganz gut aufgestellt. Und sollten wir doch mal die Bahn verpasst haben, suchen wir uns einfach die nächste Stadtrad-Station. Zu Beginn des Jahres wurde die Flotte komplett erneuert und von 2.450 auf 4.500 Räder aufgestockt. Hinzu kamen weitere Stationen, wie am Flughafen, an allen S- und U-Bahnhaltestellen sowie in Randstadtteilen wie Rissen oder Rahlstedt. Aber nicht nur das Stadtrad wurde weiter ausgebaut, auch bei der Hochbahn tut sich einiges. Die U4 ist um die Haltestelle Elbbrücken erweitert worden, eine Verlängerung der anderen Richtung in den Hamburger Osten nach Horn ist geplant. Ein weiteres Großprojekt ist ab 2021 der Ausbau der neuen U-Bahnlinie 5, die von der City Nord bis Stellingen von Ost nach West fahren wird. Nach Angaben der Hochbahn sollen mit der U5 rund 150.000 Menschen ans bestehende U-Bahnnetz angebunden werden. Und allen, die nicht optimal ans Bahnnetz angebunden sind und mit dem Auto zur nächsten Haltestelle fahren, bieten sich die neuen, kostenlosen Park+Ride-Fahrradstellplätze der Hochbahn an allen S- und U-Bahnhaltestellen an. Spannend finden wir auch die eKicks-Scooter. In den USA oder Frankreich cruisen die Elektro-Tretroller bereits auf den Straßen. Auch Deutschland zieht nach. Der Bundesrat hat Mitte Mai sein Go gegeben und eine Verordnung für die Roller verabschiedet.

Rosa Domm, Landessprecherin der Grünen Jugend Hamburg, befürwortet solche „Mobilitätsketten, die rund um die Uhr einen klimafreundlichen Verkehr von überall ermöglichen.“ Allerdings geht da noch mehr, findet die Jugendorganisation der Grünen, die sich für eine autofreie Innenstadt und ein solidarisch finanziertes ÖPNV-Ticket für alle Hamburger ausspricht: „Um allen Menschen das Recht auf Mobilität zu gewähren, brauchen wir eine konsequente und sofortige Mobilitätswende.“ Aus diesem Grund setzt die Grüne Jugend auf Bildungsarbeit für Jung und Alt, unterstützt die Critical Mass oder auch Aktionen wie den jährliche „Park(ing) Day", bei dem Parkplätze zeitweise zu Parks und kreativen Flächen umgestaltet werden.
 

Rosa Domm, Psychologiestudentin und Landessprecherin der Grünen Jugend Hamburg, setzt sich für eine fahrradfreundliche Stadt und nachhaltigere Mobilität ein.

Als Ergänzung oder Konkurrenz zu den Öffis – je nachdem aus welcher Sicht – steigt auch das Angebot von Auto-Sharing-Diensten. Seit April kurven vermehrt die schicken schwarz-goldenen Elektrobusse durch Hamburg. Dahinter steckt der Fahrdienst Moia von VW, der sich selbst als „größten elektrischen Ridesharing-Dienst Europas“ bezeichnet. Die Philosophie dahinter: Durch Fahrgemeinschaften soll der Verkehr entlastet und Fahrzeuge sowie Emissionen eingespart werden. Die ersten Reaktionen zu Moia fielen ganz unterschiedlich aus. Der günstige Fahrpreis, der Elektroantrieb sowie der Sharing-Gedanke stießen auf Zustimmung. Im Stau stehen die Busse jedoch genauso, einige Minuten Verspätung sind daher nicht auszuschließen. Kostenmäßig ist Moia teurer als der öffentliche Nahverkehr, aber günstiger als Taxis.

Seit April in Hamburg unterwegs: Ob der Fahrdienst Moia den Verkehr entlastet und eine nachhaltige Auto-Alternative ist, muss sich noch herausstellen.

„Hamburg hat schon viele Mobilitätsdienste und im Vergleich mit anderen deutschen Städten stehen wir ganz gut da“, fasst Henrik Zölzer, Gründer von 25ways mobility, zusammen. Der 49-Jährige hat Anfang 2017 sein Startup gegründet. Mit der App 25ways bietet das junge Unternehmen aus der Schanze einen Mobilitätsassistenten an, der alle Angebote verschiedener Transportmittel miteinander vereinbart und anzeigt, ob sich zum Beispiel eine Kombination aus HVV und Leihrad anbietet.

Henrik Zölzer (li.), Gründer von 25wys mobility sieht das Auto im innerstädtischen Bereich als zukünftiges Nischen-Produkt.

  • Ottensen wird zur autofreien Zone

Ein noch drastischerer und nachhaltigerer Schritt wird in Ottensen gewagt. Der Stadtteil soll ab September für ein halbes Jahr teilweise autofrei werden. Die Bahrenfelder Straße vom Spritzenplatz bis zum Alma-Wartenberg-Platz und die Ottenser Hauptstraße von der Ecke Bahrenfelder Straße bis zur Mottenburger Straße könnten dann für die Autos tabu sein. Ausgenommen sind städtische Fahrzeuge wie die Müllabfuhr, Handwerker oder Lieferwagen. „Das Experiment, Ottensen autofrei zu machen, ist Ergebnis des EU-Projekts Cities4People, an dem der Bezirk Altona teilnimmt“, erklärt Jörg Knieling, Mitbegründer und Professor für Stadtplanung und Regionalentwicklung an der Hafen-City Uni. Neben Altona gehören Budapest, Oxfordshire, die griechische Stadt Trikala sowie der Istanbuler Stadtteil Üsküdar zu Cities4People. „Das Projekt untersucht, welche Möglichkeiten bestehen, um die Mobilität in Vierteln wie Ottensen zu verbessern. Der Stadtteil wird daher zu einem Reallabor, in dem Forscher, Behörden, Verkehrs- und Mobilitätsanbieter sowie Bewohner vor Ort zusammenarbeiten.“

Der Vorteil: Das autofreie Gebiet soll deutlich fußgänger- und fahrradfreundlicher sein, es gibt weniger Verkehr und Lärm. Dafür wird sich das erhöhte Verkehrsaufkommen in den umliegenden Straßen deutlich bemerkbarer machen. „Der Ausweichverkehr entsteht automatisch. Das Bezirksamt arbeitet gerade daran, Parkmöglichkeiten außerhalb für die Anwohner zu entwickeln.“ Weitere Pläne von Cities4People sind ein Mobilitätstag, die Verbesserung der Fahrradabstellmöglichkeiten und ein Mikro-Depot für Paketzusteller, wo die Lieferungen auf Lastenräder umverteilt werden. „Das Projekt soll zum Umdenken anregen und dazu bewegen, auf ein Auto zu verzichten“, fasst Jörg Knieling zusammen. Als erste zum Teil autofreie Stadt wäre Hamburg deutschlandweit Vorreiter. Vielleicht wurde Hamburg deswegen auch gerade zum Gastgeber des „Intelligent Transport Systems“ (ITS)-Weltkongresses ausgewählt, der 2021 mehr als 10.000 Besucher anlocken soll. Das Konferenzprogramm bietet Ausstellungen und Diskussionen zu den neusten Entwicklungen intelligenter Transportsysteme. Auch autonomes Fahren, intelligente Infrastruktur, Mobilitätsleistungen oder Smart Parking stehen auf der Agenda.

Themen, die auch Henrik Zölzer von 25ways mobility als entscheidend für Hamburgs zukünftigen Mobilitätswandel ansieht: „Innerstädtisch sind wir meiner Meinung nach auf dem Weg, dass das Auto eine Nische wird. Jedoch stecken wir in Mobilitäts-Routinen und haben Vorbehalte, die es abzubauen gilt. Für die langfristige Zukunft bin ich mir sicher, dass autonomes Fahren kommen wird. In Außenbezirken wird es dann möglich sein, dass das Carsharing-Auto quasi auf Zuruf zu mir fährt. Dazu werden digitale Prozesse mittels Sprachbefehlen sicher weiter vereinfacht. Hamburg ist auf einem guten Weg, muss aber noch ehrgeiziger werden.“

Wir haben uns außerdem auf die Suche nach coolen Fahrradspots und -events in Hamburg gemacht und mal bei den Studis nachgefragt, wie sie zu Hamburgs Fahrradfreundlichkeit und Mobilität stehen.

Text: Kristina Regentrop
Fotos: privat (3), Stahl (1), Moia (2), Fahrrad Café (1), Fietsenbörse (1), Haermeyer (1)

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