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News aus Hamburg
MARIE KONDO-SELBSTVERSUCH

Organize your life

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Entrümple deine Wohnung, deinen Kleiderschrank, dein Leben und innere Zufriedenheit zieht bei dir ein. Dieses neue Credo springt uns derzeit aus vielen Büchern, Podcasts und Serien entgegen. Minimalismus ist der neue Konsum und überhaupt braucht man doch eigentlich nur ganz wenig zum großen Glück, oder?! Unsere Autorin Laura Bähr hat den Aufräum-Selbstversuch gewagt und die Strategien von Netflix-Guru Marie Kondo getestet.

Ordnung ist das halbe Leben – das wusste Mama schon und Oma sowieso. Trotzdem habe ich von Zeit zu Zeit so meine Probleme damit: Wenn es morgens schnell gehen muss, landen immer öfter riesige Klamottenberge auf dem Boden neben meinem Bett. Und wenn ich abends den Kochlöffel schwinge, kann es schon mal vorkommen, dass die schmutzigen Töpfe sich danach noch bis Ende der Woche in meiner Spüle stapeln. Diese Tendenz führt dazu, dass ich des Öfteren auf der Suche bin. Auf der Suche nach meinem Schlüssel, meiner aktuellen Lektüre, der einen Bluse, die perfekt zum neuen Rock passen würde oder auch nur einem frischen Paar Socken. Ich gestehe, die Suche nervt. Und zwar gewaltig. Also habe ich mich dazu entschlossen auszumisten. Um nicht direkt im Chaos unterzugehen, sollen mir Bücher, Podcasts und YouTube-Videos helfen. Meine erste Lektüre ist natürlich „Magic Cleaning – Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert“ von Marie Kondo, DER Ordnungs-Queen, Serienstar und Bestsellerautorin aus Japan. In ihrer Netflix-Serie „Aufräumen mit Marie Kondo“ entrümpelt die Japanerin die Häuser kalifornischer Paare, und auch ich bin bereit, sie in mein Leben zu lassen. Sie verspricht, dass sich mit der Ordnung auch ein seelisches Gleichgewicht einstellt. Maries These: „Räume einmal auf, um nie wieder aufräumen zu müssen.“ Das klingt gut, finde ich. Und während es in den USA mittlerweile schon normal ist, sich neben dem Personal Trainer und dem Ernährungscoach auch einen Professional Organizer zu gönnen, ist das in Deutschland noch Zukunftsmusik – aber aus der Bewegung um den Aufräumguru ist mittlerweile sogar ein eigenständiges Wort entstanden, das auch hierzulande zumindest bei Instagram Verwendung findet: „Kondoen“.

Marie Kondo: Der Aufräum-Guru aus Japan gibt in ihrer Netflix-Serie praktische Tipps für den Alltag

  • Weniger ist mehr – auch im Kopf

Um mich dem Aufräumtrend und seiner Wirkung zu nähern, spreche ich mit dem Hamburger Psychologen Dr. Ulrich Weber. Er erklärt mir das menschliche Grundbedürfnis, das hinter der Ordnung steckt: „Der Trend zum Minimalismus spiegelt die Sehnsucht wider, die Komplexität des Lebens zu vereinfachen und sich von unnötigem Ballast zu befreien.“ Das kommt mir bekannt vor. Auch meine Freunde und ich klagen über die ständige Erreichbarkeit via Smartphone und Co sowie Entscheidungsschwierigkeiten in alltäglichen Lebenssituationen. „In unserer heutigen, vernetzten Welt ist Aufräumen in jeglicher Hinsicht wichtig um nicht den Überblick zu verlieren und das seelische Gleichgewicht aufrechtzuerhalten“, so der Experte. Warum sich manche Menschen dabei trotzdem so schwertun, hängt mit den Erinnerungen zusammen, die jeder von uns mit bestimmten Dingen verknüpft – sei es die alte Vase von Oma oder aber das Kuscheltier aus unserer Kindheit. Wichtig ist es, sich an dieser Stelle eines klar zu machen: „Etwas wegzuschmeißen bedeutet nicht automatisch, auch seine Erinnerung wegzuwerfen“, erklärt der Psychologe aus St. Georg. Nur wer feststellt, dass Ordnung sein Leben leichter macht, wird diesem Prinzip nachgehen. Und auch wenn es mittlerweile viele hilfreiche Ratgeberbücher, Podcasts und Apps gibt, gilt nach Meinung des Experten auch beim Aufräumen das alte Prinzip: Learning by Doing!

Dr. Ulrich Weber: Psychologe aus St. Georg

  • Der Konsum-Teufelskreis

„Je mehr Dinge Teil unseres Lebens sind, desto schwieriger wird es, diese Informationen zu verarbeiten“, weiß auch Aufräumcoach Birgit Eschenburg aus Eimsbüttel. Die ehemalige Betriebswirtin und Bankkauffrau hat ihre Passion für Ordnung zum Beruf gemacht. Sie hat eine Agentur gegründet, gibt Coachings und leistet Unterstützung für die Bewältigung von „Chaos-Plätzen“. Neben der Menge an Informationen, die heute Tag für Tag auf uns einprasseln, kommt die Aufgabe des „Sich-Entscheidens“. Das fängt bei den unzähligen Joghurt-Sorten im Supermarkt an und gipfelt bei der Wahl der Kleidung. Auch meine Kleiderstange scheint unter der Last der Klamottenberge beinahe zusammenzubrechen. Wobei wir beim heißen Kern meines Selbstversuches wären. Bin ich eine Getriebene des Konsums? Auf jeden Fall! Aber macht mich das Mehr wirklich glücklich? Ich weiß es nicht. „Neue Dinge kosten uns sehr viel Energie, die uns zum Pflegen der vorhandenen Gegenstände dann wieder fehlt", erklärt mir Birgit Eschenburg. Ein Teufelskreis. Aber in meinem Fall heißt es an dieser Stelle schon mal: Einsicht ist der erste Weg zur Besserung.

 

Birgit Eschenberg: Aufräumcoach aus Eimsbüttel

  • Aufräumen als neuer Optimierungszwang

Auf der anderen Seite sehe ich den Aufräum-Trend aber auch kritisch und frage mich, ob im Kern nicht doch wieder eine Art Selbstoptimierungszwang dahintersteckt? Wenn man nur noch gut schlafen kann, wenn alles aufgeräumt ist oder man Dinge, die einem wirklich am Herzen liegen auf Befehl von Marie Kondo wegpfeffert, läuft doch etwas schief, oder? Ich will es also angehen, aber auf entspannte Art und Weise. Hierfür hole ich mir Rat bei Ordnungsberaterin und Podcasterin Julia Goldberg aus Sasel. Sie managt in erster Linie die Kleiderschränke ihrer Kundinnen und hat daneben mit einer Kollegin den Podcast „OrdnungHOCHzwei“ ins Leben gerufen. Sie beruhigt mich: „Klar, Aufräumen wird in unserem Zeitalter des ständigen Optimierens aktuell zu einem neuen Trend-Vorsatz, wie auch das Abnehmen oder der Verzicht auf Zigaretten. Aber: Diese Trends kommen nicht von ungefähr und helfen uns Laster abzulegen.“ Der beste Weg beim Aufräumen ist es – wie immer im Leben – eine gewisse Balance zu finden. Schließlich geht es bei dem Konzept von Marie Kondo nicht nur ums Aufräumen an sich. Ziel ist es, das Gefühl, nur die Dinge um sich zu haben, die man wirklich braucht, auf alle Lebensbereiche auszudehnen. Welche Gegenstände machen mich happy, welche Möbel, Gewohnheiten und Menschen?

Julia Goldberg: Ordnungsberaterin und Podcasterin aus Sasel

  • Alles ohne „Joy“ kann weg

Um mich also meinem größten Feind, der Kleiderstange, endlich anzunähern, will ich à la Marie Kondo den „Joy-Check“ anwenden. Das heißt, dass alle Teile der Frage unterzogen werden, ob sie mich (noch) glücklich machen. Wenn nein, dann weg. So weit, so klar, denke ich mir, lege alle Kleidungsstücke auf einen Haufen und frage mich bei jedem einzelnen: „Does it spark joy?“ Theoretisch einfach, praktisch echt schwer bei der Menge an Stuff. Patricia Knötzsch, die erste ausgebildete KonMari-Consultantin aus Hamburg-Hitscherberg, kennt das Problem: „Während ich mir früher direkt den neuen Schal zur neuen Jacke kaufen wollte, schaue ich heute erstmal nach, ob ich nicht schon etwas Passendes habe. Und falls nicht, muss erst ein anderes Stück gehen, bevor ein neues einziehen darf.“ Um KonMari-Consultant zu werden, muss man zunächst beide Bücher der Aufräumexpertin gelesen und seinen Haushalt mit der Methode aufgeräumt haben. Die Fotos der cleanen Wohnung müssen hochgeladen werden, bevor man zum Seminar zugelassen wird. Dort lernt man das Coaching im Umgang mit Kunden. Besteht man dann noch das Onlineseminar, darf man sich KonMari-Consultant schimpfen. Nach drei Stunden habe auch ich es geschafft und sowohl meine Kleiderstange, als auch mein Schrank scheinen erleichtert aufzuatmen. Ich fühle mich tatsächlich besser, freier und vor allem positiv überrascht, was für Schätze meine Garderobe zu bieten hat. Bevor es wieder ans Einsortieren geht, muss zunächst geklärt werden, welche Teile welche Bedürfnisse haben. So sollen Kleider und Blusen zurück an die Stange, Pullover und Hosen in typischer Marie Kondo-Manier gefaltet in den Schrank und die Socken liebevoll dreimal gerollt und aufgestellt in ihre Box. Außerdem führe ich Stammplätze für Zeug ein, das ansonsten lose in der Wohnung verstreut rumliegt, wie mein Portemonnaie oder Handy. Nach vier Wochen und einigen Rückschlägen ertappe ich mich dabei, wie ich ganz selbstverständlich am Abend bereits meine Tasche ausräume, die Dinge, die sich über den Tag angesammelt haben und die ich nicht brauche, wegwerfe und den Rest sicher an seinem Stammplatz verstaue. Und plötzlich habe ich Zeit. Es gibt kein Suchen mehr. Auch shoppen war ich schon lange nicht mehr. Wenn mich beim Vorbeigehen an einem Laden etwas anlacht, schaue ich zuerst gedanklich in meinen Kleiderschrank und stelle oft fest, das neue Teil gar nicht zu brauchen. Nur vor ein paar Tagen hat ein neues rotes Kleid den Weg in meine Wohnung gefunden – da war es aber auch „Joy“ auf den ersten Blick.

Patrizia Knötzsch: KonMari-Consultantin aus Hamburg-Hitscherberg

  • Mehr Ordnung im Leben? Unsere Tipps für euch

Podcast: OrdnungHOCHzwei von Julia Goldberg und Nadine Hirte aus Hamburg erscheint immer donnerstags. In den 15- bis 30-minütigen Folgen gibt es Anregungen, Impulse und Tipps rund ums Thema Ordnung. In vergangenen Folgen wurde beispielsweise über die Themen „Ordnung im Papierkram", „Ordnung im Kleiderschrank" und „Deathcleaning" gesprochen. Ihr findet den Podcast bei iTunes, Spotify und YouTube.

App: Flatastic regelt neben Einkaufslisten auch Putzpläne und die Finanzübersicht von einzelnen Haushaltsmitgliedern. Das ist nicht nur in WGs, sondern auch in Familien hilfreich, um den Überblick zu bewahren. Für mehr Infos schaut auf Seite 35 in dieser Ausgabe! Bei OurHome können Aufgaben im Rahmen der Hausarbeit erstellt und einzelnen Mitgliedern zugeordnet werden. Die erledigten Aufgaben kann man mittels eines Punktesystems bewerten. Außerdem dient die „Anstupsfunktion“ dazu, einzelne Mitglieder an ihre Aufgabe zu erinnern. Beide im App-Store erhältlich.

Serie: Der Klassiker! Zieht euch an einem verregneten Sonntag einfach ein paar Folgen von „Aufräumen mit Marie Kondo“ auf Netflix rein. Unterhaltsam und lehrreich.

Bücher: Wir empfehlen natürlich das Standardwerk „Magic Cleaning – Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert“ von Marie Kondo. Aber auch „Minimalismus – Der neue leichte Sinn“ von Ryan Nicodemus sowie „Detox your life – Loslassen und Entrümpeln in allen Lebensbereichen“ von Sarah Wasgien sind absolut lesenswert.


Text: Laura Bähr
Fotos: privat (3), Hoyer (1), Diekmann (1), Netflix (1

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